Mittwoch, 2. April 2025

Serientagebuch 03/25

02.03. Lost 1.10 (RW)
Lost 1.11 (RW)
03.03. The Hot Zone 2.06
American Rust 2.06
04.03. Family Guy 23.05
05.03. Phone Shop 1.01
06.03. American Rust 2.07
07.03. Phone Shop 1.02
Severance 2.01
Severance 2.02
09.03. Lost 1.12 (RW)
Lost 1.13 (RW)
10.03. Phone Shop 1.03
Severance 2.03
Sverance 2.04
11.03. Family Guy 23.06
American Rust 2.08
13.03. Person of Interest 3.15
24.03. American Rust 2.09
American Rust 2.10
25.03. Severance 2.05
26.03. Family Guy 23.07
Person of Interest 3.16
27.03. Phone Shop 1.04
28.03. Phone Shop 1.05
Phone Shop 1.06
29.03. Severance 2.06
Severance 2.07

Die erste Staffel der National-Geographic-Produktion The Hot Zone lief bereits 2019. Die auf dem gleichnamigen Sachbuch basierende Geschichte um einen Beinahe-Ausbruch von Ebola auf US-amerikanischem Boden lehrte mich damals gehörig das Fürchten. Die zweite Staffel befasst sich, gemäß dem Anthologie-Prinzip, mit einem ganz anderen, aber ebenfalls realen Fall: der Milzbrand-Panik von 2001. Obwohl ich die Entwicklungen und Ereignisse nach dem 11. September live und recht intensiv verfolgt habe, konnte ich mich an viele Details nicht mehr erinnern. "The Hot Zone: Anthrax" ist weniger Medizin-Thriller denn Forensik- und Crime-Thriller à la "CSI", aber deshalb nicht weniger packend. Die charismatische Hauptrolle hat Daniel Dae Kim inne, den ich zurzeit dank "Lost"-Rewatch wieder öfter sehe (dazu mehr, wenn es so weit ist). Dass der mittlerweile 87-jährige Ridley Scott zum Produktionsteam von "The Hot Zone" gehört, hatte ich auch schon wieder vergessen.

Die zweite und leider letzte Season der von Showtime zu Amazon gewanderten Romanumsetzung American Rust wirkte etwas unfokussiert: Mehrere Handlungsstränge mit gleicher Gewichtung liefen nebeneinander her, ohne zu einem befriedigenden Ende zusammenzufinden. Zudem legten mindestens zwei Figuren des umfangreichen Personalkabinetts unpassende und unglaubwürdige Verhaltensweisen an den Tag. Streckenweise wurde es mir auch zu kompliziert. Diesmal stehen Fracking, Rache, ein Gefängnistrauma, ein Undercover-Einsatz und eigenhändige Ermittlungen im Zentrum; uff.
An den schauspielerischen Leistungen gibt's abermals nix zu mäkeln, und die Rust-Belt-Stimmung transportiert sich nach wie vor überzeugend.

Die britische Workplace-Comedy Phone Shop von 2009 ist manchmal etwas "drüber": hysterisch, geschmacklos, pubertär. In ihren besten Momenten ist die erste Staffel, der bis 2013 noch zwei weitere folgten, jedoch unverschämt lustig und clever geschrieben. Ort des Geschehens ist ein Handyladen auf einer Londonder High Street. Es ist die große Ära der SMS, der Klingeltöne und des Tarifkampfes, Smartphones erscheinen zwar schon am Horizont, spielen im Alltag aber noch keine Rolle. Insofern ist "Phone Shop" eine kuriose Zeitkapsel; die meisten Gags würden aber auch in jedem anderen Setting funktionieren.

Montag, 31. März 2025

Grundsätzliches über Abreißkalender

An welchem Punkt in meinem streng strukturierten Tagesablauf reiße ich eigentlich das aktuelle Tageskalenderblatt runter? Ich will es verraten: So lange ich denken kann, tu ich dies am Morgen, vor oder nach dem Frühstück. Jetzt allerdings wurde mir klar, dass das von den Abreißkalendermachern so nicht vorgesehen ist. Man soll vielmehr am Abend eines jeden Tages – bevor man schlafen geht – weiterblättern. Am Ende von Tag X soll man mithin die Vorderseite des Blattes von Tag X+1 sehen. Indiz: Am Sonntagmorgen riss ich gewohnheitsmäßig das Blatt vom Samstag herunter und bekam dies präsentiert:

"Heute Nacht", i.e. in der Nacht von Sonntag zu Montag, erfolgte die Zeitumstellung aber nicht, sondern wie immer von Samstag auf Sonntag. Ich hätte somit, um rechtzeitig über den Beginn der Sommerzeit informiert zu werden, am Vorabend das Blatt vom 29. März entfernen müssen. Sorry, das bringe ich nicht über mich – dann zeigt mein Kalender ja ein paar Stunden lang ein falsches Datum an! (Es sei denn, ich gehe nach Mitternacht zu Bett.)

Noch etwas ist zu monieren. Der Igel fordert uns auf, "heute Nacht die Uhr um eine Stunde vor[zu]stellen". Wer tut das? Gewiss, offiziell springen die Stundenzeiger um Punkt 2 eine Stunde nach vorn, aber die Menschen im Lande bringen doch nicht zu dieser unchristlichen Zeit ihre Chronometer auf den korrekten Stand. In der Regel tun sie das am nächsten Morgen, Vormittag oder noch später. (Ich habe meine Armbanduhr wegen Verpeiltheit sogar erst am heutigen Montag vorgestellt.)

Auch das Kalenderblatt vom Freitag wollte bereits am selben Tag (Freitag) gelesen werden, bezieht es sich doch mit dem Wort "morgen" auf etwas, das am Samstag stattfinden würde.


Ich jedoch las den Text erst am Samstag und musste folglich glauben, die Earth Hour wäre für den Sonntag angesetzt. Dass die Earth Hour weder am 28. noch am 29.3. stattfand, sondern bereits eine Woche zuvor stattgefunden hatte (das war wohl nach Redaktionsschluss geändert worden), steht auf einem anderen, höhö, Blatt ...

Samstag, 29. März 2025

Die karibische Kartoffelkatastrophe

Ich wollte gestern Ducana zubereiten, ein beliebtes Gericht aus dem Inselstaat Antigua und Barbuda. Es handelt sich um rohe Klöße auf Süßkartoffelbasis, die eingewickelt im Wasserbad gesotten werden. Ich bediente mich folgender Rezeptur, wobei die Mengenangaben Idealwerte sind; die von mir verwendete Süßkartoffel wog etwas weniger, so dass ich die Masse der übrigen Zutaten (nach Dreisatz!) entsprechend anpasste. Mag dies den Ausschlag für das (Spoiler) Misslingen gegeben haben? Nun, hier jedenfalls die von mir durchgeführten Schritte, die zum gewünschten Ergebnis hätten führen sollen.

Ich schälte eine Süßkartoffel von 350 g (wie gesagt, de facto waren's etwas weniger) und raspelte sie mit einer Vierkantreibe. Kartoffeln schälen ist ja schon meine mit Abstand ungeliebteste Küchentätigkeit – weswegen ich maximal zweimal im Jahr Kartoffeln kaufe –, aber das minutenlange Reiben gab meiner Geduld und vor allem meinen Handgelenken den Rest ... und das waren gerade mal die ersten zwei Arbeitsschritte!


Danach wurde es zum Glück einfacher. Man fügt lediglich 200 g Kokosraspeln, 250 g Rohrzucker, 200 g Mehl, 1 TL Zimt, etwas Muskat und 400 ml Wasser hinzu. Manche Rezepte sehen auch Vanillearoma vor, zudem scheint es auf Antigua und Barbuda zwei Lager in der Rosinenfrage zu geben, ein Glaubenskrieg, der mit jenem in Großbritannien bzgl. Scones zu vergleichen ist (erst die Clotted Cream, dann die Marmelade, oder umgekehrt?). Ich habe, obschon Fan, die Rosinen weggelassen, denn die Masse, die man zusammenrührt, fällt süß genug aus. Mit den Händen formt man nun Bollen, die man auf ausreichend großen Stücken Alufolie ausbreitet:


Hier schwante mir bereits, dass der "Teig" viel zu flüssig geraten war, um einen schnittfesten Knödel zu zeitigen, und das, obwohl ich noch reichlich Mehl nachgeschüttet hatte. Doch wacker fuhr ich fort und umschloss drei Häufchen wasserdicht mit Folie. Traditionell werden übrigens Bananenblätter zum Umhüllen verwendet, jedoch frage ich mich, wie man damit ein Eindringen von Wasser verhindern soll, wenn man diese Technik nicht von der Pike auf gelernt hat. Das nämlich ist der finale Schritt: Die Päckchen werden in einen Topf mit kochendem Wasser gesetzt. Nach 25 Minuten – so lange soll es laut Anleitung dauern – nahm ich eines heraus und öffnete es: Die Masse war immer noch zähflüssig. Als sich auch nach einer Dreiviertelstunde keine Veränderung des Aggregatzustandes zeigte, betrachtete ich das Kochexperiment als gescheitert. Zugegeben, Ducana schmeckt köstlich, aber von der Rohversion mochte ich nicht mehr als ein paar Löffel zu mir nehmen. Wenigstens die Beilage konnte ich verzehren, bzw. das, zu dem das Ducana als Beilage dienen sollte: Rahmspinat. Solchen isst man in Antigua und Barbuda tatsächlich, neben Salzfisch, am liebsten zu den zuckrigen Knödeln. Den Spinat, nach einem französischen Rezept (épinards à la crème), hatte ich parallel zubereitet, allerdings recht mühelos mit dem Thermomix; die entsprechenden Schritte brauche ich nicht auch noch zu erwähnen. Man kann freilich eh zu den bewährten Tiefkühlprodukten, mit oder ohne "Blubb", greifen. Und die restliche Ducana-Masse? Landete nebst jeder Menge Aluminiumfolie im Mülleimer. Seufz.

Donnerstag, 27. März 2025

TITANIC vor zehn Jahren: 4/2015

Hurra, ein Titelgemälde von Rudi Hurzlmeier ...


... mit einer Zeile von der Redaktion und etwas, das wir Profis One-Two Punchline nennen: Nach der Hauptpointe kommt eine zweite Ebene, hier markiert durch die geringere Schriftgröße.

Ebenso stark finde ich den lange als Kandidat für die U1 vorgemerkten und ebenfalls handgezeichneten (von Leo Riegel) Rücktitel:


Ganz recht, lange vor Corona bewegte das Thema Impfen bzw. Verweigerung desselben vor zehn Jahren das Land. Die Rückkehr von Masern & Co. griff denn auch der Aufmacher des Aprilheftes auf. In der Rubrik "TITANIC Telefonterror" riefen Elias Hauck, Moritz Hürtgen und ich als Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums bei Privatpersonen "in den größten Problembezirken (Prenzlauer Berg, Berlin)" an und behaupteten, wir hätten über das Leitungswasser "Booster-Impfungen durchgeschickt".


Nachdem angekündigt worden war, dass das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin Anfang 2016, unmittelbar nach Erlöschen der Urheberrechte, eine kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf" herausbringen würde, ging das Team Wolff/Hauck/Riegel noch einen Babyschritt weiter:


Ich mag diese rare Kollaboration sehr, das zeichnerische Zusammenspiel von Hauck und Riegel funktioniert prächtig.

Eine der letzten Gemeinschaftsarbeiten des zu diesem Zeitpunkt längst etablierten, geradezu legendären Duos Tietze/Rürup wiederum findet sich auf S. 44f.: Es geht um das defizitäre deutsche Katastrophenwarnsystem und die für 2015 angekündigte Warn-App.


Der diesmonatige "Das kommt mir doch bekannt vor"-Moment! Ganz Europa streitet im Jahr 2025 über Kriegstüchtigkeit, Wehrpflicht und Militärbündnisse. Und 2015? Forderte EU-Kommissionspräsident Juncker eine gemeinsame EU-Armee ("auch als Signal an Moskau", tagesschau.de). Moritz Hürtgen und ich veranschaulichten diese Vision auf der Doppelseite 34/35:


Neben Putins Truppen machte der Welt im letzten Jahrzehnt aber vor allem die Organisation Islamischer Staat Angst.


Ich möchte in diesem Zusammenhang auch an meinen Startcartoon hinweisen, den ich völlig vergessen hatte, aber ganz unbescheiden ziemlich schnafte finde.

Zu guter Letzt wiederhole ich mein Lob von vor ein paar Monaten für etwas, das in modernen Ausgaben leider vernachlässigt wird: Wegwerfgags in Form von Viertel- oder Achtelanzeigen in den "Briefen an die Leser", wie diese hier aus meiner Feder:


Weiteres Notierenswertes
- Beim Wiederlesen extrem erheitert hat mich Michael Ziegelwagners ebenfalls in den "Briefen" untergebrachte Parodie der SZ-Rubrik "Das Streiflicht" ("Das Steiflicht").
- Auf den Seiten 36 bis 39 kommt das heimliche Highlight des Heftes: die Wiedergeburt des unter Sonneborn regelmäßig geführten "Expertengesprächs" (damals mit dem zu früh verstorbenen Unikum Octo). Tom Hintner, Tim Wolff, Andrea Diener von der FAZ und ich (gute Güte, habe ich in diesem Monat viel gemacht!) diskutierten über Schlafkleidung. Allein für die Fotos lohnt sich die Anschaffung dieses Titanic-Exemplars. Offenlegung: Meine Gewohnheit hat sich seitdem geändert; ich trage heute selbst im Sommer fast ausschließlich Pyjamas.
- Den in der "Humorkritik" vorgestellten "Lieblingsvergleich" (S. 47) habe ich im Something-Awful-Forum entdeckt.
- Wir treten in die Ära von "55ff" ein, in der die Zahl der Beitragenden ins Alberne steigt. Acht Leute haben an dieser Ausgabe mitgewirkt, bei gerade mal zehn Beiträgen (wobei als Beitrag auch Miniaturen wie "Unsere Umlaute" zählen). Herrje!
- David Schuhs Abrechnung mit Matthias Opdenhövel ("Der unfaßbar normal Gebliebene", S. 58f.) darf als Klassiker der Mediennasenkritik gelten und wird u.a. von Stefan Gärtner zu Recht sehr geschätzt und immer wieder zitiert.
- Erste Folge von Heinz Strunks "Intimschatulle". Was für eine Wohltat, was für eine erfrischende Abwechslung nach zig Ausgaben "Strunk-Prinzip"!
- Ob Ernst Kahls altmeisterliche Heilands-Verunglimpfung (U3) wohl für einen veritablen Skandal gesorgt hätte, wäre sie prominenter platziert gewesen?

Schlussgedanke
Wow, ein herausragend eklektisches, wagemutiges, turbulentes Heft! Mein Favorit im laufenden Jahrgang bis jetzt.

Mittwoch, 26. März 2025

In der Schärfe liegt die Würze

Ich nasche gerne Wasabinüsse. Zahlreiche Produkte buhlen um meine Gunst, doch erfuhr ich vor Jahren aus einem Fernsehbeitrag – den ich auf Anhieb auf Youtube wiedergefunden habe; er stammte aus der Sendung "ZDFbesseresser" –, dass es sich bei den in unseren Supermärkten erhältlichen Sorten durchweg um Mogelpackungen handelt. "Von exotischem Wasabi kaum eine Spur", lautete das Resümee. "Um den scharfen Wasabigeschmack und die leuchtend grüne Farbe zu imitieren, trickst die Industrie ordentlich": Geringer Erdnussanteil, noch geringerer Wasabi-Anteil bis zum Nichtvorhandensein (Ersatz durch Senf- und sonstige Aromen plus Farbstoff; "Wasabi-Style" o.ä. schreibt man dann kleinlaut auf die Packung), und das bei teils völlig überzogenen Preisen.

Nun fiel mir ein französisches Produkt in die Hände, das nicht nur verblüffend preiswert war, sondern einen Wasabi-Anteil von 0,3 Prozent versprach! Zum Vergleich: Die Nüsse von "Rewe Beste Wahl" weisen "nur homöopathische 0,003 Prozent Wasabi" (Foodwatch) auf. Und wahrlich, das merkt man! Die Meerrettichnote ist so dominant, dass man gar nicht erschmecken kann, womit die grünen Bollen überhaupt gefüllt sind.


Entgegen dem, was der Serviervorschlag ("suggestion de présentation") nahelegt, stecken weder Aprikosen noch Pistazien in der Teigumhüllung, sondern ausschließlich Erdnüsse (arachides). Doch wie gesagt: Selbst wenn da etwa eine Trockenfrucht drin wäre, würde ich sie nicht erkennen. Obendrein ist der pikante Knuspermantel nämlich ziemlich dick. Dennoch beträgt der Nussanteil ordentliche 37 Prozent, das sind zehn Prozentpunkte mehr als in den Rewe-Nüssen.


Von der Packung werde ich noch lange zehren. Mehr als fünf dieser Snackeinheiten kriege ich nicht runter, bevor ich mit Tränen in den Augen nach Luft schnappe. Das weckt die Lebensgeister, das pustet die Nebenhöhlen durch – herrlich!

Montag, 24. März 2025

Lutetia, Brunswick & Co.

Im Jahr 2016 fotografierte ich diesen Leserbrief eines Herrn O. aus H. ab:


Dem Abschnitt über Nizza kann ich etwas hinzufügen. Zufällig kurz nachdem ich beim Handyspeicherausmisten auf dieses Foto gestoßen bin, hörte ich nämlich in einem Zug einen Mann telefonieren, der zwar italienisch sprach, aber sowohl "Nice" statt "Nizza" als auch "Menton" statt "Mentone" sagte! (Die italienische Form Mentone ist mir überhaupt bisher nur ein einziges Mal untergekommen, nämlich in einem Roman von Dorothy Sayers. Ende der 1930er Jahre war das, zumindest in England, offenbar noch die bevorzugte Schreibweise, obwohl Menton bereits 1861 Frankreich eingegliedert wurde.)

Selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass Ortsnamen politischen Sprengstoff bergen können, man denke an aktuelle Debatten à la "Kiew vs. Kyjiw". Nicht selten spielt Subjektives, Biographisches, Persönliches hinein, wenn es um die Bevorzugung der einen oder der anderen Variante geht; Robert Gernhardt nennt im Bericht einer 1993 begangenen Estlandreise seine Heimatstadt konsequent "Reval". Generell halte ich es bei der Frage Exonym oder Endonyme pragmatisch. Ich sage "Bratislava", weil ich mir sicher bin, dass acht von zehn Gesprächspartnern mit "Pressburg" nichts anzufangen wüssten; ich sage "Danzig", weil mir das leichter von der Zunge rollt als "Gdansk"; und ich sage "Thiruvananthapuram" statt "Trivandrum", weil ich mich als Freund und Kenner von Bharat zu erkennen geben möchte, haha.

Samstag, 22. März 2025

Möhren

Möhren, Karotten, Mohrrüben ... Ich verwende die verschiedenen regionalen Bezeichnungen für die orangefarbenen Pfahlwurzeln wahllos durcheinander. So oder so bin ich kein riesen Fan des Gemüses. Wenn ich eine Möhre knabbere, fühlt sich das zwar stets gesund an, aber auch irgendwie falsch. Wie beim Verzehren einer rohen Paprikaschote bin ich jedes Mal froh, wenn es vorbei ist. Wie die Paprika hat freilich auch die Mohrrübe ihre Daseinsberechtigung. Bisweilen brauche ich eine oder zwei für ein Rezept. In solchen Fällen würde ich gerne eine oder zwei kaufen, leider gibt es, zumindest in den meisten Supermärkten, Karotten nur in Zehnkilosäcken. Wo und wie bewahrt man so viele Möhren auf? Diese Frage wusste der Aufdruck auf einem 1-kg-Beutel, den ich letzte Woche bei Rewe erstand, zu beantworten:


Ich liebe, dass das Wort "bitte" in Versalien gesetzt ist: Tun Sie die Möhren in den Kühlschrank, WIR FLEHEN SIE AN! Einwand: Wenn die Lagerung im Kühlschrank die bevorzugte ist, wieso steht auf dem Siegel rechts "kühlschrankgeeignet"? Das ist ja, als würde man auf eine Packung Grillwürste schreiben "UNBEDINGT IN DER PFANNE BRATEN", und daneben prangte ein Label "pfannengeeignet".

Donnerstag, 20. März 2025

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Asteroid City
Dieses extrem wesandersonnige Wes-Anderson-Meta-Theaterstück von 2023 habe ich auf einem Flugzeugmonitor gesehen, was die Strahlkraft der grandiosen Cinematography ein wenig geschmälert haben mag. Die pastellfarbenen Bauten in der US-amerikanischen Wüste (wo genau eigentlich? Ich glaube, der Bundesstaat wird nie genannt) machen selbst im Briefmarkenformat was her. Zu den neckischen Details in diesem eindrucksvollen Setting gehört u.a. ein Roadrunner, der mit seiner berühmtesten Verkörperung in der Popkultur ("Meep-meep!") mehr gemein hat als mit einem echten Rennkuckuck. Auch an den Dialogen kann man sich erfreuen, und natürlich an dem schon fast übertrieben prominenten Cast.

The Watchers
... stand nicht unbedingt auf meiner Watchlist, vor allem weil ich in zwei Kritiken gelesen habe, dass dieser Mystery-Thriller "vorhersehbare" Twists aufweise, aber da er ebenfalls im In-Flight-Entertainment zur Auswahl stand, habe ich ihm eine Chance gegeben. Zunächst einmal: Ich habe keinen der Twists erwartet, ja ich habe kaum was erwartet, weil ich über die Handlung so gut wie gar nichts wusste. Man muss ihr einige Freiheiten zugestehen: Das Ausgangs-Szenario ist ein übernatürliches und wirft selbst bei erhöhter suspension of disbelief diverse Fragen auf, etwa "Wovon ernähren sich die 'Gefangenen'?", "Wo waschen sie sich?" etc. Womöglich hätte man auch das Ende etwas eindampfen können.
Trotzdem: Ich habe schon weitaus blödere Horrorstreifen gesehen. Die Waldatmosphäre ist angenehm gruselig, hier zeigt die von mir schon für "Servant" gelobte Regisseurin Ishana Night Shyamalan, was sie kann.

Ant-Man and the Wasp: Quantumania
Und schließlich nutzte ich das Bordprogramm (es war ein sehr langer Flug), um die Ant-Man-Trilogie abzuschließen, deren erste zwei Drittel mir ja viel Vergnügen bereitet hatten.
Bei Gott, ich habe innerhalb einer Franchise noch nie so einen Qualitätsabfall erlebt. "Ant-Man" 1 und 2 waren im besten Sinne familientauglich, "Quantumania" ist Kinderkram. Vor allem war das Spaßige an den Vorgängern, dass man die uns bekannte Welt aus einem ungewohnten Blickwinkel, dem eines auf Insektengröße geschrumpften Menschen, gesehen hat. Durch kreative Makroaufnahmen hat man die Wunder der Natur und des urbanen Raumes mit offenem Mund neu entdeckt. Teil 3 spielt fast von vorne bis hinten in der Quantenwelt, die zwar mit abgefahrenen Bewohnern gefüllt ist, zu der ich als Zuschauer aber keinen Bezug habe und auch nicht aufzubauen imstande bin. Von der Handlung zu schweigen: "Quantumania" stellte, wie ich Wikipedia entnehme, den Auftakt zur fünften MCU-Phase dar. Tja, von mir aus. Mich lässt das alles kalt. Paul Rudd nimmt mich mit seinem Charme und Humor nach wie vor ein, freuen kann man sich auch über Bill Murray, als Gesamtpaket sind diese zwei Stunden jedoch der reine Stuss. Kappes, Mist, Dummfug, vertane Lebenszeit. Immerhin Michelle Pfeiffer sollte man mit Preisen überhäufen. Mit GOLDENEN HIMBEEREN!

UHF – Sender mit beschränkter Hoffnung (OT: UHF)
Auch diesem Film habe ich mich unter besonderen Umständen ausgesetzt: Ich war hundemüde, musste ihn aber schauen, da er wenige Stunden später aus der Amazon-Prime-Videothek verschwand. Das tat ich zudem im Bett liegend, so dass mir wiederholt die Augen zufielen. Das, was ich mitbekommen habe, war aber sympathisch und gute Laune machend. Weird Al Yankovic spielt die Hauptrolle in dieser Komödie von 1989, in der übrigens auch die damals noch nicht abgedriftete Victoria Jackson einen größeren Part innehat. Das unbeschwerte Eighties-Feeling vermittelt sich so gut wie die Kino- und Radioleidenschaft aller Beteiligten. Nur bei wenigen Gags dachte ich 'Hm, würde man heute nicht mehr bringen'.

Lake George
Wieder mal ein Fall von "Wieso lief diese Perle völlig unter dem Radar???". Ich meine: Nichts, wo Carrie Coon und Shea Whigham mitspielen, kann wirklich schlecht sein. Dass "Lake George" nach seiner US-Kino- und VoD-Premiere Ende letzten Jahres jedoch so gut wie gar kein Echo fand (einen deutschen Release gab es meines Wissens nicht), ist eine Schande.
Genre: Thriller-Drama mit Romanzen-, Komödien- und Roadmovie-Anleihen.

Hallo Spencer – Der Film
Hier bin ich gewissermaßen befangen, weil ich mit zweien der Drehbuchautoren befreundet bin. "Hallo Spencer" enthält viel Schönes, reichlich Sentimentales, einiges Witziges. Von Letzterem mehr und Vorletzterem weniger hätte dem TV-Film gut getan und wäre, wie ich weiß, auch im Sinne der Macher gewesen. Dennoch: Es geht um eine vergessene Kinderserie, ausrangierte Klappmaulpuppen und einen alten Zeiten nachhängenden Künstler, da sind Nostalgie und Schwermut programmiert.
Die Sets sind herzallerliebst, Rainer Bock ist absolut glaubwürdig, und eine Gesangseinlage von Dirk von Lowtzow hat mich mehr berührt, als ich es für möglich gehalten hätte.

Susan … verzweifelt gesucht (OT: Desperately Seeking Susan)
Die "Susan" im Titel dieser in Amerika offenbar Kultstatus genießenden Verwechslungskomödie wird gespielt von ... Madonna (die in einer Szene zu einem Lied von Madonna tanzt). Die Hauptrolle hat Rosanna Arquette übernommen, in weiteren, kleineren Rollen sind Laurie Metcalf, John Turturro, Giancarlo Esposito und Steven Wright (!!!) zu sehen. Ha-ha funny ist Susan Seidelmans 1985er BAFTA- und Golden-Globe-nominiertes Werk nicht unbedingt, aber ich mochte die ausgeklügelte, wendungsreiche Handlung, die Roger Ebert angeblich "verwirrend" fand. Ich habe, glaub' ich, alles verstanden, nur einmal habe ich zwei männliche Charaktere verwechselt.

Albert Brooks: Defending My Life
Man macht sich hierzulande gar keinen Begriff davon, wie einflussreich und wichtig Albert Brooks für die US-amerikanische Comedy war. Sein bester Freund, der nicht weniger bedeutsame Regisseur Rob Reiner, hat dem inzwischen 77-Jährigen 2023 für HBO ein Denkmal gesetzt. Eine erhellende, abwechslungsreiche, zackige Doku mit vielen O-Tönen komischer Menschen und legendären Film- und Fernsehmomenten.

Kings of Hollywood (OT: The Comeback Trail)
Ein anderes Urgestein läuft in dieser schwarzen Klamotte zu später Höchstform auf: Robert De Niro hat diebische Freude in seiner Rolle als abgehalfterter Hollywood-Produzent, der über Leichen geht, um seine horrenden Schulden zu begleichen. Knittergesicht Tommy Lee Jones als Westernheld ist nicht minder herrlich. Morgan Freeman und Zach Braff sind auch am Start, und es gibt eine wunderbare Tom-Cruise-Parodie.

Der große Eisenbahnraub (OT: The [First] Great Train Robbery)
Zum Abschluss noch ein Klassiker. Im Laufe der Jahrzehnte erblickten mehrere "Eisenbahnraub"-Spielfilme das Licht der Kinowelt. Dieser hier ist die Michael-Crichton-Version von 1979: Crichton hat seinen eigenen Roman verfilmt (Drehbuch & Regie: Crichton), Sean Connery, der damals als Sexsymbol galt und dies auch nach gefühlt fünf Minuten qua Entkleidung beweisen muss, gibt den Gentleman-Dieb, Donald Sutherland seinen Komplizen. Ein launiger Caper-Movie, in dem lediglich die unnötige Tötung einer Nebenfigur die Gaudi bremst. Die vereinzelte Langatmigkeit wird im Laufe der 110 Minuten durch gefällige Actionszenen aufgebrochen.

Dienstag, 18. März 2025

Immer wieder King

Nachdem es schon vorgestern um die Kurzgeschichtensammlung "Ihr wollt es dunkler" ging, soll hier meine Gesamteinschätzung von Stephen Kings zuletzt erschienener Einzelveröffentlichung folgen. Ich habe wahrscheinlich schon einmal geschrieben, dass ich Kings Kurzprosa noch mehr schätze als seine Romane. Zumindest wurde ich noch nie von einem seiner Short-Story-Bände enttäuscht, während mir einige (wenige) der Langformriemen nicht ganz so sehr zusagten. Auch "You Like It Darker" ist mindestens solide. Ein bisschen "mehr vom Gleichen" hier, ein paar echte Überraschungen da (u.a. die Rückkehr einer Figur aus einem früheren Werk), dazwischen immer wieder Beweise dafür, dass der Altmeister es noch draufhat.

Ich kann und möchte die einzelnen Geschichten nicht mit Worten bewerten und benutze deshalb erstmals etwas, dem die Würze der Kürze innewohnt und das mich gleichzeitig zu entschlossenen Meinungen zwingt: Sterne! Sie mögen sowohl der Diskussionsanregung dienen als auch der Entscheidungsfindung, falls jemand nicht den ganzen Wälzer lesen möchte.

Zwei begnadete Burschen (Two Talented Bastids) ★★★★☆
Der fünfte Schritt (The Fifth Step) ★★★★☆
Willie der Wirrkopf (Willie the Weirdo) ★★☆☆☆
Danny Coughlins böser Traum (Danny Coughlin's Bad Dream) ★★★★★
Finn (Finn) ★★★☆☆
Auf der Slide Inn Road (On Slide Inn Road) ★★★☆☆
Das rote Display (Red Screen) ★★★☆☆
Ein Fachmann für Turbulenzen (The Turbulence Expert) ★★★☆☆
Laurie (Laurie) ★★☆☆☆
Klapperschlangen (Rattlesnakes) ★★★☆☆
Die Träumenden (The Dreamers) ★★★★☆
Der Antwortmann (The Answer Man) ★


Sonntag, 16. März 2025

In die Röhre gesprochen

In der Geschichte "Die Träumenden" in Stephen Kings letztem Kurzprosaband "Ihr wollt es dunkler" ("You Like It Darker") erwähnt der Ich-Erzähler, der als Stenograf beschäftigt ist, dass er bei seiner Arbeit gelegentlich eine Stenomaske tragen muss. 'Was zur Hölle ist eine Stenomaske?', fragte ich mich.

"Eine Stenomaske wird verwendet, wenn Gespräche zwischen mehreren Personen von einer anderen Person aufgezeichnet oder gedolmetscht werden, insbesondere beim Simultandolmetschen", weiß die Webseite Konferenztechnik.de. "Die dicht am Mund des aufzeichnenden Sprechers anliegende Maske lässt zum einen nur die Worte des aufzeichnenden Sprechers in die Aufzeichnung oder Übertragung einfließen und verhindert zum anderen einen akustischen 'Echoeffekt' durch das ständige Nachsprechen im selben Raum für die eigentlichen Gesprächsteilnehmer." Die Markteinführung folgte 1954 in den USA (die King-Geschichte spielt im Jahr 1971).

Noch nie in meinem Leben habe ich dieses Utensil im Einsatz gesehen, weder in der Fiktion noch im echten Leben. Es ist ein ulkiger Anblick, man denkt an Gasmasken, Aliens und Bane aus dem Batman-Universum. Überzeugt euch selbst: Bildersuche "Stenomaske".

Freitag, 14. März 2025

Albernes zum Wochenschluss

Lustiger Tipp zum Umgang mit Menschen
Man kennt das ja: Da äußert jemand einen nicht besonders klugen Satz, und ein sich clever wähnender Zeitgenosse entgegnet etwas in der Art von: "Ach was, Einstein?!" Viel besser als diese ironische Betitelung mit dem Namen eines berühmten Genies fände ich aber die völlig willkürliche Anrede mit berühmten Namen, und zwar in allen möglichen Situationen. Ist klar, was ich meine? Nein? Hier ein paar Beispiele:
- "Kannst du bitte noch lauter reden, Frau von der Leyen!"
- "Wohoho, Nikola Tesla hat angerufen!"
- "Du bist doch besoffen wie Clara Schumann!"
- "Tolle Hose, Brian Eno!"

(Original geschrieben am 5.10.2011)

Mittwoch, 12. März 2025

Immer wieder Jim

Die neue Ausgabe des Podcasts "The Dollop" befasst sich mit dem US-Schauspiler Jim Caviezel, der zuletzt mit dem mindestens fragwürdigen, weil mit QAnon-Fantasien unterfütterten Thriller "The Sound of Freedom" in die Kritik geriet (aber auch überaus erfolgreich war). Noch habe ich die Folge nicht gehört, bin aber schon gespannt auf wahnwitzige Caviezel-Fakten.

Ich habe ja immer noch die famose Network-Serie "Person of Interest" in der Mache und überlegte, nachdem die ideologischen Irrwege des "Passion Christi"-Stars ans Licht gekommen waren, ob ich damit nicht aufhören sollte. Nur, dachte ich, wäre das nicht ungerecht gegenüber all den anderen kreativen Köpfen, die an den fünf Staffeln mitgewirkt haben? Die Frage nach der Trennung von Werk und Künstler muss man von Fall zu Fall entscheiden. Sachen, in die Neil Gaiman involviert ist, kann ich inzwischen tatsächlich nicht mehr konsumieren, da wird mir schlecht. Fakt ist: Jim Caviezel ist in "Person of Interest" großartig und passt so perfekt in seine Rolle wie die übrigen Ensemblemitglieder in die ihren.

Fakt scheint auch zu sein: Der Mann hat schlicht nicht alle Murmeln beisammen. Schon vor Monaten habe ich einen Twitter-Thread mit Jim-Anekdoten gescreenshottet, und wann wäre eine bessere Gelegenheit, diese mit euch zu teilen? Viel "Vergnügen"!

Montag, 10. März 2025

Koreanischstunden

Die Übersetzerin Ki-Hyang Lee hat mehrere Romane der südkoreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang ins Deutsche übertragen. Erwartbarerweise gibt es immer wieder "Nuancen im Originaltext von Han Kang, die in der Übersetzung schwer vollständig wiederzugeben sind", zitiert die Süddeutsche Zeitung sie in einem lesenswerten Artikel vom 24. Februar (online nur hinter Paywall), der sich mit Schwierigkeiten der Übersetzung aus fernöstlichen Sprachen in europäische befasst.

Beispiel Japanisch: Der Roman "Schneeland" des ersten japanischen Literaturnobelpreisträgers Yasunari Kawabata beginne bereits mit einem extrem vertrackten Satz (der hier nicht auf Japanisch reproduziert zu werden braucht).

Die klassische Übersetzung des US-Japanologen Edward Seidensticker lautet: "The train came out of the long tunnel into the snow country." Also: "Der Zug kam aus dem langen Tunnel in das Schneeland." Es ist bei Seidensticker, als würde der Erzähler den Zug aus dem Tunnel fahren sehen. Aber im japanischen Original ist vom Zug keine Rede, es gibt im ersten Satzteil kein Subjekt. Einen Erzähler von außen gibt es auch nicht. Japaner lesen im Originalsatz die Stimmung, die man erlebt, wenn man nach einer Fahrt im Tunnel von der schneelosen Seite des Berges auf die verschneite Seite kommt. Tobias Cheung hat den Satz in der Suhrkamp-Auflage von 2011 möglichst wörtlich übersetzt: "Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland." Trotzdem: Die wahre Tiefe dieses Romananfangs liegt wohl nur in Kawabatas Japanisch.

"Kein Subjekt"? Das würde ich mir gerne genauer erklären lassen, aber ich glaube es einfach mal. Nicht minder staunen ließ mich die Tatsache, dass die Übersetzerin von Han Kangs Debutroman "Chaesigjuuija", die Britin Deborah Smith, erst sieben Jahre, bevor sie das Werk ins Englische übertrug ("The Vegetarian"), angefangen hatte, Koreanisch zu lernen! Dementsprechend unperfekt geriet die Übertragung denn auch, zumindest nach Ansicht von Fachleuten, die der englischsprachigen Fassung ein Übermaß an "Adverbien, Superlativen und anderen Veranschaulichungen" beschied. Man darf hier dennoch einwerfen: "Oder bringt gerade dieser Unterschied das Verständnis des internationalen Publikums?" Am Ende stellte sich der Ruhm schließlich dank des Vorhandenseins von Übersetzungen, deren Anfertigung übrigens stets von der Autorin begleitet wird, ein. Man muss halt einsehen: "Eine Übersetzung kann nie größer werden als das Original." Muss sie auch nicht.

Sonntag, 9. März 2025

Der gute Sonntagslink

Neulich bei "American Rust":



[...]


Wohl wahr! Nach neun Jahrzehnten und unzähligen Iterationen ist die Juniordetektivin noch immer eine unkaputtbare Säule der amerikanischen Popkultur. In Folge 3 von "Seitenstraße" habe ich ja ein bisschen was über die Reihe erzählt. Nun bin ich durch Zufall auf einen Longread von 2018 gestoßen, der einige Aspekte der Franchise vertieft; wobei, mit acht Minuten Lesezeit ist es nicht wirklich ein Longread ... ein "Middleread" vielleicht? Jedenfalls: "The Secret Syndicate behind Nancy Drew" ("JSTOR Daily", englisch).

Mittwoch, 5. März 2025

Komma runter!

Im "Sprachlabor" der Süddeutschen Zeitung ging es letztens lang und breit um die Frage, wie man eine gewisse, meist mündlich verwendete Phrase korrekt verschriftlicht:

[B]ei der Redensart "Geht nicht gibt's nicht" [...] entscheidet ein Komma über Sinn oder Nichtsinn. Im Streiflicht war sie in der Version "Geht nicht, gibt's nicht" zu lesen. Das ist die gängigste Fassung [...]
Wozu nun der Lärm? Weil das Komma den Satz in sein Gegenteil verkehrt. Bei Geht nicht gibt's nicht ist Geht nicht ein ganz besonderes Akkusativobjekt. Während Sätze wie Der Bauer pflügt das Feld anstandslos ins Passiv – Das Feld wird vom Bauern gepflügt – gewendet werden können, führte das bei Geht nicht gibt's nicht zu der Albernheit Geht nicht wird nicht gegeben. Die alte Dudengrammatik spricht hierbei von "reinen Existenzialurteilen" und rückt unseren Satz in die Nähe von Es gibt einen Gott, dem ja auch kein Mensch die Passivform Ein Gott wird nicht gegeben verpassen würde.
Jedenfalls darf das Objekt Geht nicht vom Prädikat gibt's nicht so wenig durch ein Komma getrennt werden wie etwa Bielefeld von gibt's nicht oder Bangemachen von gilt nicht. Ohne Komma bedeutet der Satz, dass der Sprecher, die Sprecherin sich vom vermeintlich Unmöglichen nicht beeindrucken lässt: Ein "geht nicht" gibt es bei mir nicht, wär' ja noch schöner! Trennt man jedoch die beiden Elemente durch ein Komma, macht sich Resignation breit: Die Sache ist weder möglich, noch ist sie machbar.

'Endlich schreibt's mal jemand!', dachte ich da. Und kurz darauf: 'Augenblick! Habe nicht ich persönlich mich schon vor langer Zeit über diesen Interpunktionsunfall ausgelassen?' Ich durchwühlte mein Textarchiv, und tatsächlich habe ich 2005 (!) in einer unveröffentlichten "Glosse" (Wie ich neulich schon andeutete: Mitte der Nullerjahre war ich "offenbar vom Studium nicht ausgelastet" ...) dies notiert:

Komplett unfähig scheinen die Werbefritzen der Baumarktkette Praktiker zu sein. Die ersannen sich nämlich den vielversprechenden Leitsatz "Geht nicht, gibt's nicht". Analog dazu wurde im Fernsehen eine Kochsendung mit dem Titel "Schmeckt nicht, gibt's nicht" geboren.

Stichhaltig begründet habe ich meinen Ärger damals nicht, und ganz ehrlich: Auf die Begründung mit der Passivbildung wäre ich nicht gekommen. Fairerweise muss ich außerdem festhalten: Ich habe eben noch mal Promo-Poster und digitale Banner der VOX-Show recherchiert, und da war das Komma eben nicht eingezeichnet.

PS: Oh Mann, hatte Tim Mälzer vor zwanzig Jahren noch ein Babyface!

Montag, 3. März 2025

Eis, heiß, maybe?

Bei TYWKIWDBI erschien am Wochenende ein Beitrag über ein Phänomen, von dem ich noch nie gehört hatte: Tut man einen Eiswürfel in eine Mikrowelle und bringt diese zum Laufen, passiert dem Eiswürfel angeblich nichts, er bleibe auch nach zweieinhalb Minuten noch unaufgetaut.

Das wollte ich selbst überprüfen! Heute Morgen legte ich zwei Eiswürfel in meine Mikrowelle, drehte diese auf 750 Watt und ließ sie mindestens 1,5 Minuten ihre Arbeit tun. Das Experiment verlief wie folgt:

Vorher

Nachher

Wie man auf dem Beweisfoto sieht, war von den Eiswürfeln nichts mehr übrig außer eine Pfütze warmen Wassers. "Myth busted!", rief ich aus, fragte mich aber zugleich, wie der Blogger Minnesotastan – vorausgesetzt, er hat nicht getrollt – zu seinem verblüffenden Ergebnis gekommen war. Lag es daran, dass er parallel zu seinem Würfel eine Glastasse mit Wasser erhitzt hat? Spielt die Form eine Rolle? (Meine Test-Eiskörper waren keine richtigen Eiswürfel, sondern ein Pyramidenstumpf und ein Herz.)

Als ich beim Anlegen dieses Posts noch einmal bei TYWKIWDBI vorbeischaute, war die Kommentarspalte voll von Mitteilungen über Nachahmerversuche. Die Eiswürfel der Leserinnen und Leser waren ebenfalls mehrheitlich geschmolzen. Es wurden auch Links und Erklärungsansätze geteilt: "But it is true that the 'ice' molecules lack the mobility to react to the oscillating electric field that heat the 'liquid' molecules by making their little dipoles follow the oscillating field. For that they have to turn around a lot and really fast which means they have to move and that causes them to warm up. The field kinda makes them do jumping jacks which we all know makes us hot." Der Post wurde inzwischen entsprechend angepasst ("I modified the post to eliminate the phrase "nothing happens," substituting "unexpected").

Samstag, 1. März 2025

Serientagebuch 02/25

02.02. Bosch 2.06
03.02. This Country 1.01
06.02. This Country 1.02
Bosch 2.07
Twelve Monkeys 2.12
08.02. This Country 1.03
09.02. Lost 1.09 (RW)
10.02. This Country 1.04
Twelve Monkeys 2.13
11.02. The Hot Zone 2.01
Bosch 2.08
Bosch 2.09
12.02. The Hot Zone 2.02
Bosch 2.10
13.02. The Hot Zone 2.03
American Rust 2.01
Person of Interest 3.13
17.02. American Rust 2.02
American Rust 2.03
18.02. Family Guy 23.03
19.02. The Hot Zone 2.04
20.02. This Country 1.05
This Country 1.06
Person of Interest 3.14
21.02. American Rust 2.04
22.02. Squid Game 2.03
Squid Game 2.04
25.02. Family Guy 23.04
27.02. The Hot Zone 2.05
American Rust 2.05

Mit einer Pause von zweieinhalb Jahren, nachdem Twelve Monkeys einfach so aus der Prime-Videothek genommen worden war, konnte ich nun endlich die zweite Staffel zu Ende schauen. Zur Weihnachtszeit schenkte mir Amazon nämlich ein Guthaben in Höhe von 5,- €, und davon (sowie einer kleinen Zuzahlung) kaufte ich mir die restliche Season. Die komplexe Zeitreise-Story fordert nach wie vor den Verstand heraus und duldet keinen Moment der Unaufmerksamkeit. Dennoch konnte ich dem Plot einigermaßen folgen, denn er wird fokussiert und mit geordneten Strukturen erzählt. Jede Episode ist insoweit in sich abgeschlossen, als sie sich eine narrative Teilstrecke vornimmt: So, heute wird das abgehandelt, und am Ende leiten wir hierzu über. Zwangsläufig gibt es immer wieder Rückverweise und Anknüpfungspunkte, aber die versteht man in der Regel, dank zuschauerfreundlich rekapitulierender, aber nie aufgesetzt wirkender Dialoge sowie hilfreicher "Was bisher geschah"-Montagen zu Beginn jeder Folge. Der Look der verschiedenen Epochen, insbesondere der postapokalyptischen Zukunft, gefällt mir gut; man merkt zwar, dass die Syfy-Produktion kein riesiges Budget hatte, aber aus den zur Verfügung stehenden Mitteln wurde das Maximum herausgeholt.

Nach noch längerer (allerdings freiwilliger) Pause habe ich auch Bosch fortgesetzt. In dessen zweiter Staffel wird eine zusammenhängende Geschichte um einen ermordeten Erwachsenenfilmproduzenten, korrupte Cops und die armenische Mafia erzählt, die im Wesentlichen auf dem fünften Bosch-Roman basiert, den ich nicht gelesen habe. (Tatsächlich bin ich mit Michael Connellys Krimireihe überhaupt nicht vertraut. Sollte ich das mal ändern?) Ich hatte völlig vergessen, wie viele Nebenfiguren es im Bosch-Universum gibt. Allesamt sind mit Liebe zum Detail geschrieben, wirken geerdet und glaubhaft.
Kurzum: Kann man gucken. Gefreut hat mich vor allem, die ewig faszinierende Stadt der Engel mal nicht in Flammen zu sehen ...

Zum Schluss eine Britcom, die von 2017 bis 2020 in drei Staffeln lief. In der Mockumentary This Country begleiten wir das heranwachsende Cousin-Cousine-Gespann Kerry und Kurtan, das in einem namenlosen Dorf in den Cotswolds in den Tag hineinlebt. Es ist ein bestürzend inhaltsleeres und langweiliges Leben, das die beiden abgehängten, weder bauern- noch sonstwie schlauen Youngsters führen. Den BBC Studios ist das Kunststück gelungen, den einzigen Flecken des ruralen Englands aufgespürt zu haben, in den man sich nicht sofort verliebt. (Zumindest stelle ich mir die gesamte britische countryside pittoresk und charmant bis zum Zuckerschock vor.) Hauptdarstellerin Daisy May Cooper, die zusammen mit ihrem Serien-Cousin und Real-Life-Bruder Charlie Cooper für die Idee und sämtliche Drehbücher der vielfach ausgezeichneten Reihe verantwortlich zeichnet, sagte hinsichtlich des location scouting: "All the material is based around stuff that happens in Cirencester, but when we went to the channel they thought that Cirencester was a bit too big and Northleach [das letztlich der Drehort wurde] is a smaller village, and sort of isolates the characters a bit more. Makes them more claustrophobic."
Bei aller deprimierenden Grundstimmung gibt es doch reichlich zu lachen.

Donnerstag, 27. Februar 2025

TITANIC vor zehn Jahren: 3/2015

Diese Ausgabe, die erste nach der Charlie-Hebdo-Nummer, verantwortete vertretungsweise Mark-Stefan Tietze, da sich Tim Wolff eine verdiente Auszeit genommen hatte. Die beherrschende Frage bei der Titelkonferenz war, wie wir die neuen, selbsterklärten Satireversteher und Meinungsfreiheitsbefürworterinnen im Lande plump und zugleich hintersinnig vor den Kopf stoßen könnten. Ergebnis war die Umsetzung einer Idee von Moritz Hürtgen:


Um die Zeit des Hefterscheinens herum war ich zu einer Podiumsdiskussion – ich glaube, in Leipzig – eingeladen, an der auch Medienanwalt Christian Schertz teilnahm und sich dabei als entschiedener Gegner des Papst-Titelbildes aus dem Jahr 2012 zeigte. Ich hielt die neue Ausgabe hoch und wollte wissen, was er von diesem Cover halte: Er fand es gelungen und musste darüber lachen. Zehn Jahre später vertritt RA Schertz Herrn Chr. Lindner in einer Unterlassungssache, betreffend einen satirisch ja wohl einwandfrei zu rechtfertigenden Witz. Verstehe einer Juristen!

Jedenfalls wollten wir in diesem Monat mit der Bazooka schießen statt mit dem Florett fechten. Wie weit würden die Tausenden Neuabonnenten mitzugehen bereit sein? Um klarzustellen, dass in der Neuen Frankfurter Schule neben dem Geistreichen eben auch das Pubertäre seinen Platz hat, packten wir noch diese wenig subtile Anzeigenparodie auf die Rückseite:


Die abstoßende Puppe hatten wir eigens für dieses Foto bestellt – wobei sie ein Jahr später noch einmal zum Einsatz kam. Seitdem ruht Susi, wie wir sie tauften, in einem Umzugskarton in unserem Fundus.

Aufmacher in diesem Heft war der Bericht über eine Straßenaktion, bei der ich als fast einziges Redaktionsmitglied nicht dabei war, weswegen ich nichts aus erster Hand darüber erzählen kann. Die Redaktion spielte eine "Freiwillige Steuerwehr e.V.", die an einem Informationstisch Infomaterial und Schnaps verteilte, "um deutsche Bürger nach Auflagen, Sanktionen und möglichst grausamen Strafen fürs kommunistische Bittstellervolk Griechenlands zu fragen und die erhobenen Haßdaten anschließend direkt an die Bundesregierung zu übermitteln."


Am Ende der Aktion war Fotograf Tom Hintner vom übermäßigen Ouzokonsum dermaßen fertig, dass er den gesamten restlichen Nachmittag schlafend verbrachte.


Die Mitte der 2010er Jahre war die große Ära des Verreisens mit Flixbux & Co. Erinnert sich noch jemand an Megabus? Der britische Anbieter war im April 2015 "mit Kampfpreisen von einem Euro pro Fahrt in Deutschland" gestartet (Süddeutsche Zeitung). Und wie näherte sich Titanic diesem eher drögen Wirtschaftsthema? Mit einer von Elias Hauck und Leo Riegel gestalteten Witz-Doppelseite im Stile einer Sechzigerjahre-Illustrierten:


Im Februar 2005, offenbar vom Studium nicht ausgelastet, schrieb ich für mich selbst und ein paar Freunde eine Kurzgeschichte über ein Juniordetektiv-Quartett namens "Die Fairen Fier". Der in einem naiven Tonfall und leicht schiefem Deutsch verfasste Text ließ mich die folgenden Jahre nicht los. Die darin enthaltenen Gags und Formulierungen waren zu schade, um sie vergammeln zu lassen, dachte ich mir, und so gab ich das Stück irgendwann meinen TItanic-Kollegen zu lesen: Wäre das was fürs Heft? War es tatsächlich! Meinem Dokumente-Ordner zufolge war die Geschichte bereits für das Dezemberheft 2014 vorgesehen, wurde dann aber noch dreimal verschoben, ehe sie – veredelt durch Illustrationen von Leo Riegel – auf vier Seiten (28-31) erschien.


Abermals zehn Jahre später kann ich mit Stolz verkünden, dass es ein brandneues zweites Abenteuer der Fairen Fier in Titanic zu lesen gibt!

Weiteres Notierenswertes
- Im März 2015 noch Werbegesicht für unsere Abo-Anzeige (U2), ist Papst Franziskus zehn Jahre später so alt und schwach, dass zahlreiche seiner Anhänger für sein Durchhalten beten.
- Dass Amazon mit seinem eigenen Studio ins Filmgeschäft eingestiegen ist, ist auch schon wieder zehn Jahre her! (Mark-Stefan Tietze: "Zittere, Hollywood!"; S. 36f.)
- Nachdem vor zwei Monaten ausnahmsweise Rattelschneck den Umblätterer im Essay stellten, hat Stephan Rürup diesmal diesen Platz inne.
- "Letzte Ausgabe von Heinz Strunks 'Strunk-Prinzip'", hatte ich bereits im vergangenen Monat behauptet. Fälschlicherweise, wie ich jetzt sehe: Eine allerletzte Ausgabe gab es doch noch. Danach folgt aber wirklich der Launch der "Intimschatulle", die ich wie gesagt um ein Vielfaches mehr schätze.

Schlussgedanke
Die Produktion dieser Ausgabe ist mir als Kraftakt in Erinnerung, das Ergebnis kann sich aber wieder mal sehen lassen.

Dienstag, 25. Februar 2025

Videospielbewertungs-Roundup (Teil 3 von x)

Heute stelle ich drei Spiele vor, mit denen ich noch nicht durch bin, von denen ich aber einen genügend großen ("groß genugen"?) Eindruck gewinnen konnte, um ein Fazit zu ziehen.

Planet of Lana ist ein weiterer Vertreter des Jump-&-Run-Subgenres "Ein Kind rennt in einer fremdartigen Welt vor grausamen Bedrohungen davon". Erfreulicherweise geht es hier aber weniger blutrünstig zu als etwa in "Bramble", und überhaupt ist diese 2,5D-Welt viel heller und heiterer. Statt durch dräuende Wälder, klaustrophobische Höhlen und verhexte Zivilisationsreste hüpfen wir größtenteils durch Wüsten und Steppen, unser Startpunkt ist gar eine südsee-paradiesisch anmutende Pfahlbautensiedlung. Manchmal geht es zwar auch in den Untergrund, doch insgesamt überwiegen luftige Biome und aufgeräumte Panoramen. Was das Visuelle angeht, wurde ich öfter an die neueren Star-Wars-Produktionen erinnert, in Kritiken, die ich gelesen habe, wurden die Filme vom Studio Ghibli als Vergleich herangezogen. Unsere Gegner sind extraterrestrische Drohnen und Laufroboter, die wir durch Ablenkung, Fluchtmanöver oder technische Manipulation ausschalten bzw. umgehen. Essentiell ist dabei unser Begleiter, ein putziger Hybrid aus Hund und Maki, dem wir kleine Aufgaben (Knöpfe drücken, Seile durchtrennen) überantworten. Die Rätsel sind stets logisch und nie zu simpel; dreimal musste ich bisher gar einen Video-Walkthrough konsultieren. Freies Speichern gibt es nicht, dafür wird nach jedem Puzzle-Abschnitt autogesaved.
"Planet of Lana" ist das Debut des schwedischen Indie-Studios Wishfully.


Wenn ich mich mal eine halbe Stunde entspannen will, werfe ich Little Kitty Big City an. Der Name ist Programm: Als Kätzchen streunen wir durch eine (zugegeben: nicht übermäßig) große City, die übrigens wie eine japanische wirkt, obwohl die Macher, Double Dagger Studio, in den USA sitzen. Wir erledigen Sammelaufgaben, sprechen mit anderen tierischen Stadtbewohnern, nebenbei spielen wir Streiche, verschaffen uns kletternd, springend und schleichend Zugang zu Privatwohnungen und Geschäfte oder begeben uns einfach so in schwindelerregende Höhen, von denen wir auch herunterfallen können, was uns aber nichts ausmacht, denn als Katze landen wir jedes Mal auf allen Vieren. Sterben können wir in diesem kindgerechten Exploration-Abenteuer ohnehin nicht.


Schon sehr, sehr viele Stunden habe ich in The Outer Worlds versenkt. Warum das 2019 erschienene SciFi-Rollenspiel nicht längst Kultstatus erlangt hat, ist mir unbegreiflich. Immerhin stammt es von den RPG-Profis von Obsidian, sieht betörend aus, hat packende Quests, einnehmende Charaktere, pfiffige Dialoge, abwechslungsreiche Planeten und große spielerische Freiheit.
Wäre ich gehässig, würde ich "The Outer Worlds" als "'Fallout'-Rip-off im Weltall" bezeichnen. Tatsächlich sind die postapokalyptische Spielwelt, der Humor sowie etliche Spielmechaniken von Bethesdas Open-World-Franchise mindestens inspiriert. Aber ist das was Schlechtes? Lieber gut geklaut als schlecht neu erfunden! Zumal die Macher allenfalls bei sich selbst "klauen": Die Game Directors von "The Outer World" sind Tim Cain und Leonard Boyarsky, zwei Mitschöpfer der "Fallout"-Reihe. In Bezug auf Ästhetik und Design möchte ich Wikipedia zitieren: "Art director Daniel Alpert described the game's aesthetics as the 'Old West' set in the future. Halcyon was envisioned to be a remote space colony with a 'strong element of heavy machinery'. The art team utilized the Art Nouveau style to depict the corporations and large cities in the game to reflect their elitist nature. The Outer Worlds uses vibrant colors to depict its world, and the team was inspired by works of Alphonse Mucha and Moebius. The use of striking color also helped the world to feel more 'alien', so that Halcyon will be 'familiar, but also slightly different' to players."
Ja, ja, dreimal ja! Mich holt das voll ab. Wie man es von derartigen Spielen gewohnt ist, hat man nach einer Weile genug Geld, Munition, Ausrüstung, Bauteile und Crafting-Zubehör angehäuft, um seinen Charakter nach Belieben zu individualisieren, auszuschmücken und aufzupowern. Nicht aber zu overpowern, unterfordernd werden die Kämpfe nämlich nie. Wie z.B. bei "Fallout 4" leveln die Gegner mit, so dass ich es immer noch regelmäßig mit Monstern zu tun bekomme, die mich und meine bis zu zwei Begleiter/innen aus den Latschen hauen. Das einzige, was mich inzwischen ein wenig nervt, ist die Musik. Die wiederholt sich zwangsläufig halt doch und plätschert weder so banal dahin, dass man sie schlicht ignorieren kann, noch ist sie so episch, wie etwa bei "Skyrim", dass man selbst nach hundert Stunden noch gerne hinhört.
Trotzdem: Eine knallbunte, hervorragend eskapistische Space-Gaudi mit irrwitzigen, mitunter schwarzhumorigen Ideen, die mich hoffentlich noch lange beschäftigt.

Sonntag, 23. Februar 2025

Kosmischer Horror

Galaxien setzen sich zusammen aus Sternen, Planeten und sonstigem Gedöns. (Offenlegung: Ich bin kein Astronom.) Mehrere Galaxien wiederum bilden Galaxienhaufen. Damit ist zwar bereits das Ende meiner Vorstellungskraft, nicht aber das der Fahnenstange erreicht: Es gibt nämlich sog. Supercluster, welche aus Haufen von Galaxienhaufen bestehen.

Die weitläufigste dieser Strukturen ist kürzlich entdeckt worden: Sie wurde "Quipu" getauft (nach der Knotenschrift der Inka, deren Reich auch die Atacama-Wüste umfasste, wo sich die zum Einsatz gekommenen Teleskope befinden), beinhaltet nicht weniger als 68 Galaxienhaufen und hat eine Ausdehnung von 1,4 Milliarden Lichtjahren. Quipu "erstreckt sich von uns aus gesehen über grob drei Viertel des Himmelsrundes" und ist somit "das größte aller Dinge" (FAZ, 18.2.2025), wobei der Zusatz "... des beobachtbaren Universums" nötig ist. Was die Sache bloß noch beunruhigender macht: Es gibt also im für uns nicht sichtbaren Teil des Alls womöglich noch riesigere Strukturen? Ja, sagt der Astrophysiker Hans Böhringer vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, der die Erkenntnisse zusammen mit seinem Team demnächst im Journal Astronomy & Astrophysics veröffentlichen wird und von dem mich interessieren würde, wie er nachts schlafen kann: "Größere Gebilde könnten – durchaus wahrscheinlich – auftauchen, wenn wir immer größere kosmische Volumina untersuchen" (zit. n. derstandard.de).

Von mir aus müssen "wir" so was nicht untersuchen, denn mir wird schon schwindelig, wenn ich über die Tiefe der Erdozeane nachdenke. Aber spannend ist es schon.

Freitag, 21. Februar 2025

Am Maulbeerbaum gerüttelt (oder: Ein Ring, sie zu knechten)

"Angesichts des vollmundig-beerig-herben Geschmacks wundert man sich, dass man diese mal roten, mal weißen, mal schwarzen brombeerartigen Früchte nie auf dem Wochenmarkt oder in der Obstabteilung sieht. Der Grund ist ihre Fragilität, beim Transport zermatschen sie. Als Saft ist die Maulbeere aber inzwischen in jedem Reformhaus und getrocknet im Asialaden zu finden."

So steht es in meinem Inselbuch, im Kapitel über die Maulbeerinsel im Neckar. Dass die Maulbeere in getrockneter Form erhältlich ist, wusste ich spätestens, als ich 2014 von Veronica Ferres' Vorliebe für diesen Snack erfuhr. Weder im Asialaden noch anderswo hatte ich jedoch danach je Ausschau gehalten. Als ich im Advent 2024 meine alljährliche Pilgerreise zum Kaufland unternahm, kam es dann zu einem Spontankauf. Getrocknete Maulbeeren waren dort nämlich im Trockenobstregal – zum überraschend niedrigen Preis – zu haben. Seitdem streue ich mir fast jedes Mal, wenn ich Müsli esse, ein paar der leckeren Beeren hinein.


Weniger angetan bin ich von getrockneter Ananas. Ich benötigte solche für ein Muffin-Rezept und habe noch viel zu viel davon übrig. Hin und wieder "gönne" ich mir einen Ring, finde sie aber zu sauer und schlecht zu kauen. Wenigstens lösen sie bei mir kein Kribbeln in der Mundhöhle aus; Trockenfrüchte scheinen generell weniger starke bis gar keine allergischen Reaktionen auszulösen.

Mittwoch, 19. Februar 2025

Einige Gedanken zu #SNL50

Im Rahmen des 50-jährigen Bestehens von "Saturday Night Live" hat NBC sich nicht lumpen lassen und vor der großen, wirklich gelungenen Jubiläums-Show mehrere nicht minder tolle Specials ausgestrahlt: eine vierteilige Dokumentation (von denen eine ganze Folge ausschließlich dem Making-of von "More Cowbell" gewidmet war!), den Dreistünder "Ladies & Gentlemen" über "50 years of SNL music", ein "Homecoming Concert" in der Radio City Music Hall sowie ein Red Carpet Event.

Insbesondere der erhellende Vierteiler machte noch einmal deutlich, wie stark der Einfluss von Lorne Michaels auf die Show nach wie vor ist. Als Executive Producer könnte der Achtzigjährige sich genauso gut zurücklehnen, ein- bis zweimal die Woche ins Studio kommen und die fertige Sendung abnicken, während die wesentliche Arbeit von einem fähigen Zirkel Vertrauter erledigt wird, aber nein: Bei der Auswahl der Sketche hat Lorne das letzte Wort, keine einzige Zeile geht ohne seinen Segen über den Äther, den exakten Ablauf der Show bestimmt er nahezu allein, nichts wird dem Zufall oder Untergebenen überlassen. Umso schleierhafter ist mir, dass sich immer wieder humoristische Kardinalsünden einschleichen – und zwar seit ungefähr Staffel 42 häufiger als vorher –, die ein Comedy-Fachmann mit über einem halben Jahrhundert Erfahrung niemals durchgehen lassen dürfte. Ich beziehe mich hier vor allem auf das unsägliche "explaining the joke". Dass Witzerklärung der Tod der Pointe ist, hat man bei SNL offenbar vergessen, oder es ist allen Beteiligten egal. Wobei ich seit Beginn von Season 49 wieder eine allgemeine Qualitätszunahme beobachte, nachdem vor fünf, sechs Jahren noch regelmäßig Ausgaben liefen, die das Prädikat unwatchable streiften. Unter anderem die ermüdenden cameo fests und das ständige breaking sind deutlich zurückgegangen. Es gibt auch keine Ensemblemitglieder mehr, die mich nerven, ja sogar solche, die mich früher genervt haben, konnte ich inzwischen liebgewinnen (Mikey Day, Bowen Yang) oder zumindest tolerieren (Please Don't Destroy).

In bleaker news: Mein Projekt "Sämtliche Episoden von SNL sehen" ist zu einem unfreiwilligen Stopp gekommen. Mir "fehlten" nur noch elf Staffeln, welche sich seit 2021 ganz einfach im "Internet Archive" nachholen ließen, weil sie dort zu meiner Freude jemand komplett hochgeladen hatte. Ende 2024, ich war gerade mitten in Season 7, war jedoch plötzlich alles weg. Alle. Episoden. Gelöscht. Und ich dachte, was einmal auf archive.org landet, bleibt auf ewig da! Nun bin ich wieder in der Situation, wo ich mich in zwielichtige Gegenden des Internets begeben muss, denn auf legalem Wege ist historisches SNL-Material berüchtigerweise nicht zu beschaffen. Ein Kommentator im "One SNL a Day"-Blog brachte vor einer Weile die Misere auf den Punkt:

I have to say… the video legacy of SNL has been treated like garbage.

Aside from the excellent season 1-5 DVDs, what do we have? A bunch of cheaply packaged, truck-stop-grade DVDs of chopped up sketches that purport to be the best of certain cast members…. some of whom were barely integral to the show when they were on it, let alone now, decades later.

We have edited-to-death online versions of certain episodes that are buried in other services.

We have a yawning, 25 year gap on Hulu (last I checked) for full episodes — and that’s a service that’s tanking. I can see every millisecond of Peter Saarsgard on Hulu, but screen legend Robert Mitchum is MIA.

Then there’s a totally random selection of sketches on the atrocious NBC website for anyone who loves mislabeled files that are constantly buffering … and they don’t even pick the best ones! I can forgive the omission of sketches for music rights (Buckwheat sings, for example), but from this very episode I’m commenting on, they paid to get Chippendale’s online. No love for Eddie?

And so to find everything else, we’re left with crappy smartphone video shot off a TV screen, horrible sounding Dailymotion uploads that get removed, weird foreign websites sourced from 20 year old Comedy Central broadcasts on VHS, and the occasional sketch that sneaks onto YouTube… till Broadway Video takes it down.

But WHY?

If their goal is to prevent others from profiting, well, what’s stopping you guys from posting the content yourselves? What are you waiting for? Some new format where video is injected directly into the bloodstream with the accompanying pharmaceutical-grade markup?

Does Broadway think reruns on E! and VH1 will suddenly become super profitable and popular again?

Is there some forthcoming SNL paid app with every sketch ever (which would be amazing)?

Are they trying to quash anything embarrassing from the past? Well I have news for you: the stuff that IS being posted up isn’t always the best.

SOMEone is looking at every episode and saying “post this sketch, but not that one.”

And whoever this hipster is has ZERO regard for the audience. They have ZERO sense of history or quality. They have ZERO social media savvy. They have ZERO sense of humor. Maybe send this person back to the NBC legal clerk intern program and choose someone who, oh, I don’t know, watched the show before 2017.

Because right now, SNL from before ‘17 has been treated like crap.

Consider this: I can get every episode of Welcome Back, Kotter (which debuted the same season as SNL) delivered to my door step in 24 hours.

But if I want to see James Brown rocking 8H, or Howard Cosell as Ed Grimley, or Francis Ford Coppola directing George Wendt, or Donald Trump selling chicken, or the “Ghost” sketch from this very episode… it’s close to impossible.

Season 7 zu erleben, war für mich aus mehreren Gründen etwas Besonderes. Nicht nur handelte es sich nach dem auf seine eigene Weise ergründenswerten, weil als desaströs geltenden Jean-Doumanian-Jahr um die erste von mehreren "Wiedergeburten" der Show – sie atmet zudem den Geist einer Ära, die mich ungemein fasziniert. New York war in den 1980ern ein dunkler, rauer, abgerockter Moloch, auf dessen Zustand bereits die opening montage mit ihrem gritty Schwarz-Weiß und Mel Brandts Ansage "From New York, the most dangerous city in America” verweist. Dass in diesen Jahren die gesamte Kreativszene permanent bis in die Haarspitzen zugekokst war, merkt man dem Chaos und der Quirligkeit der von Dick Ebersol produzierten Staffeln an. Und dann ist da noch Eddie Murphy! Glücklicherweise konnte ich bereits die Ausgabe von Halloween 1981 sehen, die erste nach meiner Geburt gelaufene! Die ist insoweit legendär, als sie eine der wildesten, unvorhergesehensten musikalischen Performances der SNL-Geschichte enthielt (Fear!). Wer weiß, wann ich mein fernsehhistorisches Vorhaben werde fortsetzen können. Bis dahin freue ich mich jedenfalls auf die nächsten (wenn auch nicht notwendigerweise 50) Jahre, denn das Anniversary Special hat nicht nur mich versöhnlich gestimmt: "It’s kinda stupid that sometimes I need to be reminded that I love this show because it’s a sketch show and hit & miss by design but goddamn, I do love this show." (@ThatWeekInSNL auf Twitter)